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Neue Forschungen und Grabungen im keltischen Oppidum Altenburg-Rheinau

Dr. Günther Wieland
Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart

 

In den Jahren 2023 bis 2025 wurden durch das Landesamt für Denkmalpflege erneut Forschungsgrabungen im Areal des in einer Doppelschleife des Hochrheins gelegenen spätkeltischen Oppidums von Altenburg-Rheinau durchgeführt. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse und die sehr aussagekräftigen Funde unterstreichen einmal mehr die Bedeutung dieser spätkeltischen Großsiedlung. Besonders spannend wird die Frage, welche Rolle Altenburg-Rheinau im Rahmen historisch überlieferter Ereignisse gespielt haben könnte. Dies betrifft sowohl die vom Ende des 2. Jahrhunderts v.Chr. überlieferten Wanderungen der Kimbern und Teutonen, denen sich auch keltische Stämme aus dem heutigen Südwestdeutschland angeschlossen haben sollen, als auch den von Caesar erwähnten Auszug der keltischen Helvetier aus ihren Wohnsitzen am Hoch- und Oberrhein um 58 v.Chr., welcher mit der Bedrohung durch germanische Völkerschaften rechts des Rheins begründet wurde. Die Entstehung und die Besiedlungsdauer des »Doppel-Oppidums« deckt diese beiden historisch überlieferten Schlaglichter ab und es ist verlockend, archäologische Befunde und auch die vermutliche Verlagerung des Siedlungsschwerpunktes ab ca. 70 v.Chr. von der Halbinsel Schwaben auf die Rheinau damit in Verbindung zu bringen, auch wenn man es schwerlich wird sicher beweisen können.

2023 bis 2025 wurden an verschiedenen Stellen auf der Halbinsel Schwaben vergleichsweise kleine Grabungsflächen geöffnet. Zwei Sondagen im Wald sollten Erkenntnisse zur Datierung der dortigen Flurrelikte und auffälliger Fundkonzentrationen geben. Als besonders ergiebig erwiesen sich aber drei Grabungsflächen nahe der ehemaligen Kiesgrube in unmittelbarer Nähe zu den Altgrabungen der 1970er-Jahre.

Vorratsgruben und Erdkeller – aber wenig Pfostengruben
In allen Flächen zeigten sich wieder die charakteristischen großen Gruben mit deutlich unterscheidbaren Verfüllschichten (Abb. 1), die noch bis über zwei Meter tief erhalten waren. Vermutlich handelt es sich dabei um Vorratsgruben für die Einlagerung von Getreide und Lebensmitteln, die mit Abfällen verfüllt worden waren, nachdem sie ausgedient hatten. Neben diesen Gruben wurden auch rechteckig-ovale Erdkeller freigelegt, wie wir sie auch aus anderen keltischen Großsiedlungen kennen. Diese dienten ebenfalls der Vorratshaltung und Lagerung verschiedener Güter. Nach wie vor eine Seltenheit sind Spuren zugehöriger obertägiger Gebäude wie Pfostengruben oder Fundamentgräbchen. 2024 konnte ein quadratischer Pfostengrundriss untersucht werden, der vermutlich zu einem Speicherbau gehört hat, wie er in zahlreichen Beispielen aus keltischen Siedlungen bekannt ist. Auch in der Grabungsfläche 2025 waren einige Pfostengruben erhalten. Dennoch ist es kein Vergleich zu den zahlreichen Grundrissen von großen Pfostenbauten, wie wir sie aus anderen keltischen Großsiedlungen kennen. Dies kann einerseits an der lokal unterschiedlichen Erosion liegen – Wind, Wetter und landwirtschaftliche Nutzung haben in den letzten zwei Jahrtausenden dazu geführt, dass die antike Oberfläche weitgehend abgetragen wurde und damit auch die Spuren obertägiger Bauten. Möglicherweise waren die keltischen Wohn- und Wirtschaftsbauten in Altenburg aber auch als Schwellbalkenkonstruktion errichtet worden, d.h. die Balken und Pfosten waren nicht eingetieft, sondern saßen auf oberirdischen Steinsetzungen auf. Auch das wäre eine gute Erklärung für das weitgehende Fehlen von Pfostengruben.

Zahlreiche Funde erzählen vom Alltag in der keltischen Siedlung
2023 bis 2025 wurden wieder zahlreiche Funde bei den Grabungen geborgen, die einen Einblick in das Alltagsleben in der keltischen Stadt geben. Kaputte Keramikgefäße, organischer Abfall, verlorene Münzen, Trachtbestandteile usw. gerieten mit der Verfüllung in die Gruben – die Abfallgruben der Vergangenheit sind die Fundgruben der heutigen Archäologen! Aus den geborgenen Funden kann man teilweise erstaunliche Details erschließen:

Der Fund eines Schreibgriffels aus Bein, eines sogenannten Stilus (Abb. 2), belegt den Schriftgebrauch in der keltischen Stadt. Mit solchen Schreibgriffeln wurde nach mediterraner Sitte auf wachsbeschichteten hölzernen Schreibtäfelchen geschrieben. Zwar pflegten die Kelten keine eigene schriftliche Überlieferung, dennoch war eine schriftliche Fixierung beispielsweise von Warenlieferungen für die Logistik und Buchhaltung beim Handel mit dem mediterranen Raum ebenso wichtig wie die Münzgeldwirtschaft. Die Bedeutung der letzteren wird uns auch bei den aktuellen Grabungen durch die zahlreichen Funde keltischer Münzen in Altenburg vor Augen geführt. Vielleicht darf man die Schreibgriffel sogar als Hinweis auf die Anwesenheit von römischen Händlern im Oppidum verstehen. Eine römische Handelsniederlassung wäre hier schon wegen der Abwicklung des äußerst lukrativen Handels mit Wein aus dem Mittelmeerraum plausibel. Tausende von Amphorenscherben belegen, welch wichtige Rolle Altenburg dabei gespielt hat, den historisch überlieferten Weindurst der keltischen Oberschicht zu stillen! Mit dem Wein gelangte auch bronzenes Trinkgeschirr aus dem Süden nach Altenburg. Man wollte den Wein offenbar auch stilsicher und in mediterraner Art genießen. Kostbarkeiten – sicher nicht nur Münzgeld – hielt man unter Verschluss: Ein kleiner Schlüssel mit ringförmigem Ende, der zu einer kleinen Truhe oder einem Kästchen gehörte, stellt eine Besonderheit dar (Abb. 3).

Ein sehr gut erhaltener bronzener Palmettengürtelhaken (Abb. 4) könnte ein Import aus dem Osten des keltischen Siedlungsgebietes sein. Solche Trachtbestandteile sind ebenso wie einige Fibelformen und Bernsteinfragmente ein Beleg für die weitläufigen Handelsbeziehungen des Oppidums.

Zu den Seltenheiten im Fundmaterial von Altenburg gehören Funde von keltischem Glas-schmuck. 2023 und 2024 wurden u.a. das Fragment eines profilierten Armringes sowie einige Ringperlen aus Glas gefunden. Aus anderen Oppida sind deutlich mehr Glasfunde bekannt, ihre Seltenheit in Altenburg dürfte auch aus der späten Zeitstellung resultieren, als der Glasschmuck schon wieder aus der Mode kam.

In großer Menge wurden auch wieder Fragmente aller charakteristischen Keramikgattungen der spätkeltischen Zeit angetroffen. Neben der überwiegend handgemachten und mit Kammstrich und Grübchen verzierten Gebrauchskeramik ist ein hoher Anteil von scheibengedrehter Feinware vertreten, darunter vor allem Feinkammstrichware, glatte und teilweise polierte Drehscheibenware sowie bemalte Ware. Die Randscherbe eines Graphittontopfes ist ein Import aus dem Osten, da diese Keramik am Hoch- und Oberrhein sehr selten ist.

Neben den zahlreichen Scherben importierter Weinamphoren aus Italien wurde 2024 auch ein größeres Fragment eines Schälchens sogenannter Campana-Ware gefunden. Dieses feine Geschirr mit schwarzem Firnisüberzug diente vermutlich ebenfalls als Trinkgeschirr, es wurde von spezialisierten Töpfereien in Italien produziert.

Aus einem der 2024 untersuchten Erdkeller stammen zwei größere und vollständig erhaltene Eisenobjekte – was in Altenburg bislang relativ selten vorkam. Es handelt sich um ein Ringgriffmesser und eine Bügelschere, wie sie aus der Mittel- und Spätlatènezeit (3.–1. Jh. v.Chr.) gut bekannt sind (Abb. 5). Die Restaurierungswerkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege brachte an diesen Stücken interessante Details zum Vorschein. So zeigt das Messer am Griff und entlang dem Messerrücken eine feine Wellenlinienverzierung, welche durch versetzt angebrachte Punzen herausmodelliert wurde. Diese Verzierung ist nur auf einer Seite vorhanden, d.h. das Messer hatte eine »Schauseite«. Die Bügelschere weist am Bügel eine Reparatur auf, bei der eine Bruchstelle mittels Ausschmieden und Kupferlot repariert und die Federwirkung so wiederhergestellt wurde. Aus vielen spätkeltischen Gräbern Mitteleuropas kennt man die Kombination von Bügelschere und Rasiermesser als Grabbeigabe. Sie dienten zur Haar- und Bartpflege. Das Messer aus Altenburg ist aber weder von der Größe noch von der Form als echtes Rasiermesser anzusprechen, aber aufgrund seiner Verzierung ist es sicher auch kein alltägliches Werkzeug. Die Schere und das Messer sind wohl nicht zufällig bei der Verfüllung des Erdkellers in den Boden geraten, vielmehr dürften sie in den Rahmen der aus keltischen Siedlungen bekannten Gerätedeponierungen gehören, für die man auch einen kultischen Hintergrund annehmen darf. Dass sie ursprünglich auch ein funktionales Ensemble gebildet haben, liegt nahe, lässt sich aber nicht zweifelsfrei belegen.

Die Fibeln (Gewandspangen) stellen eine wichtige Fundgattung dar, denn sie unterliegen einem raschen modischen Wandel und sind somit gute Indikatoren für die nähere zeitliche Einordnung der Fundkomplexe. Insgesamt hat sich durch die jüngsten Feldforschungen der Anteil von jüngeren Fibelformen des 1. Jahrhunderts v.Chr., wie eiserne Knotenfibeln und geschweifte Fibeln (Abb. 6), deutlich erhöht, sodass es durchaus möglich scheint, dass die Verlagerung des Siedlungsschwerpunkts von der Altenburger Halbinsel auf die Rheinau später erfolgte, als bislang gedacht. Besondere Fundstücke stellen vier Fingerringe dar (Abb. 7). Neben einem einfachen Bronzedrahtring mit Spiralornament und einem etwas provisorisch wirkenden Ring aus dem Halbfabrikat einer Nauheimer Fibel handelt es sich um zwei Gemmenringe aus Bronze und Eisen. Solche Gemmenringe sind bereits mehrfach aus dem Kontext spätkeltischer Oppida bekannt, sie könnten als Siegelringe vielleicht sogar mit Händlern bzw. deren »Buchhaltung« in Verbindung gebracht werden, ebenso wie die oben erwähnten Zeugnisse des Schriftgebrauchs (Schreibgriffel).

 

Tierknochen und menschliche Skelettreste
2024 wurde eine Fläche zwischen der ehemaligen Kiesgrube und dem Wall freigelegt, die einige Überraschungen erbrachte. In erster Linie waren dies neben zahlreichen Keramik- und Metallfunden große Mengen an Tierknochen, die in regelrechten Füllstraten in den großen Gruben angehäuft waren (Abb. 8).

Dr. Simon Trixl, der Archäozoologe des Landesamtes für Denkmalpflege, konnte bei einer ersten Sichtung feststellen, dass es sich überwiegend um Unterkiefer, Schulterblätter und Beinknochen von Rindern handelt, was auf eine gut organisierte spezialisierte und groß angelegte Nahrungsproduktion im Sinne einer Großschlachterei hinweist. Aus den Gruben im Innenraum der Großsiedlung sind dagegen mehr Schweineknochen nachgewiesen, dort konnte man in Gebäuden und Hinterhöfen problemlos Schweine halten und füttern, während eine Rinderherde nur außerhalb der Siedlung oder in ihrem Randbereich gehalten werden konnte.

Immer wieder fallen im Knochenmaterial auch menschliche Skelettreste auf. Spuren von Tierverbiss zeigen, dass die Knochen zumindest zeitweise an der Oberfläche lagen. An manchen menschlichen Knochen konnte der Anthropologe Dr. Michael Francken sogar Reste von Schnittspuren dokumentieren, die zum Zeitpunkt des Todes oder kurz danach zugefügt wurden. Parallelen zu diesen Schnittspuren fanden sich bereits bei Funden aus älteren Grabungskampagnen. Ob es sich dabei um Zerlegungsspuren oder postmortale Beschädigungen handelt, werden weitere Untersuchungen klären müssen. Vielleicht nähert man sich mit diesen Funden auch einer Antwort auf die Frage nach dem Umgang der spätkeltischen Bevölkerung mit ihren Toten. Denn man kennt von den großen Stadtsiedlungen praktisch keine Friedhöfe oder Gräber. Zweifellos gab es Toten- und Bestattungsrituale, aber sie scheinen keine archäologisch nachweisbaren Spuren hinterlassen zu haben – ein noch ungelöstes Rätsel der spätkeltischen Oppida.

Pflanzenreste aus den Gruben
Erste archäobotanische Untersuchungen der Grubeninhalte durch Prof. Dr. Elena Marinova-Wolff und Lisa Holler versprechen Auskunft zu den wichtigsten Kulturpflanzen, Nutzpflanzen und Unkräutern sowie der wild wachsenden Vegetation der Umgebung. Dies führt auch zu überregionalen Thematiken wie Ernährung und Landnutzung in spätkeltischer Zeit, die man durch Vergleiche mit anderen keltischen Siedlungen erforschen kann. Hierzu werden botanische Proben aus verschiedenen Tiefen der Grubenfüllungen in Altenburg genommen. Erste Analysen der darin erhaltenen Pflanzenreste weisen darauf hin, dass Gerste und Brotweizen die häufigsten Kulturpflanzen darstellten. Brotweizen ist in keltischer und römischer Zeit eher aus den Regionen südlich von Altenburg bekannt, sodass sich auch hier die Bedeutung des Oppidums für den Handel mit dem mediterranen Raum zu zeigen scheint.

Mit Geophysik auf der Suche nach dem Tor
2023 bis 2025 wurden durch Dr. Natalie Pickartz verschiedene geophysikalische Messungen im Gebiet des Oppidums durchgeführt. Neben einer ergänzenden Untersuchung der nördlichen Terrasse hangabwärts Richtung Rhein mit Bodenradar stand die Suche nach der Lage des ehemaligen Tores im Fokus. Vermutet wurde dies am nördlichen Ende des Walles. Hier konnten zwar keine Spuren eines Tores, aber der ca. 16 Meter breite Graben vor dem Wall nachgewiesen werden. Als besonders vielversprechend erwies sich eine Einsenkung im südlichen Abschnitt des Walls. Auf einer alten Abbildung aus dem 18. Jahrhundert sind zwei solcher Einsenkungen im Wall zu sehen und der Verdacht liegt nahe, dass es sich hier um die Position ehemaliger Tore handelt. Insbesondere mit Bodenradarmessungen wurde diesen Vermutungen nachgegangen. Vor der heute sichtbaren südlichen Senke im Wall deuten die Ergebnisse darauf hin, dass der vorgelagerte Graben hier schmäler und flacher war, was gut zu einem Tor passen würde. Bei früheren Messungen waren an dieser Stelle im Wall auch Anomalien beobachtet worden, die ebenfalls zu einem Torbau gehören könnten. Als weiterer Fingerzeig in diese Richtung ist ein Befund aus den Grabungen von Franz Fischer in den 1970er-Jahren zu verstehen. Hinter der Walleinsenkung wurde ein nahezu befundfreier Bereich festgestellt, vielleicht eine Straße, die vom Tor in den Innenraum verlief.

 

Die aktuellen Forschungen in Altenburg sind ein gutes Beispiel für das Zusammenwirken der archäologischen und naturwissenschaftlichen Fachdisziplinen. Vor allem die Einbeziehung naturwissenschaftlicher Expertise bereits in die laufenden Grabungen hat für die weiteren Untersuchungen und Forschungen wichtige Impulse gegeben, die in den nächsten Jahren konsequent weiterverfolgt werden sollen. Die interdisziplinäre Auswertung des überaus umfangreichen Fundmaterials verspricht umfangreiche neue Erkenntnisse zum Leben und Wirtschaften in diesem bedeutenden spätkeltischen Zentralort am Hochrhein.

Die Grabungen wären nicht möglich gewesen ohne die großartige Unterstützung, die das Projekt vor Ort seit Jahren durch die Grundstückseigentümer und Landwirte erhält, indem sie die Arbeiten auf ihren Grundstücken ermöglichen. Hierfür sei den Familien Altenburger und Binkert ganz herzlich gedankt. Der Gemeinde Jestetten gebührt für die tatkräftige logistische Unterstützung ebenfalls herzlicher Dank. Ganz besonderen Dank schulden wir den zahlreichen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, ohne deren Mitarbeit die Ausgrabungen sicher nicht in diesem Umfang möglich gewesen wären. Mittlerweile hat sich ein hervorragendes Grabungsteam herausgebildet, das gerade in seiner Kombination aus Fachleuten und Volunteers ein Arbeitsklima schafft, dem die Begeisterung für die Archäologie anzumerken ist.                         

 

Weitere Literatur zu den Grabungen

Günther Wieland, Thimo Jacob Brestel, Stefan Dreibrodt, Marcel El-Kassem, Michael Francken, Elena Marinova-Wolff, Natalie Pickartz, Simon Trixl, René Wollenweber: Neue interdisziplinäre Forschungen zur Besiedlungsstruktur des Oppidums Altenburg-Rheinau. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2023 (2024) 150-155.

Günther Wieland, Marcel El-Kassem, Michael Francken, Lisa Holler, Elena Marinova-Wolff, Natalie Pickartz, Simon Trixl, René Wollenweber: Kellergruben, Tierknochen und die Suche nach dem Tor – weitere Untersuchungen im Oppidum Altenburg-Rheinau. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2024 (2025) 178-183.