Jestetten im Sog des Bauernkriegs 1525
Dr. Carsten Priebe
Das Jahr 1525 brachte Umbrüche und Verwüstungen über die Region um Jestetten. Bauern erhoben sich gegen die Unterdrückung durch ihre Grundherren, die mit immer maßloseren Forderungen die Bauernfamilien in Existenznot brachten.
Jestetten selbst stand damals im Spannungsfeld verschiedener Machtansprüche. Vom Klettgau her drohte die Gier der Grafen von Sulz, die in Jestetten ihre Zweitresidenz hatten. Von Zürich her bedrohte die Reformation mit all ihren Spielarten die regionalen Machtansprüche des Klosters Rheinau. Aus Richtung Waldshut drohte zusätzlich die Gewalt der aufständischen Bauern.
Das Kloster Rheinau hatte Besitzungen in Jestetten und forderte Gehorsam und Fronarbeit. Große Waldflächen im Rafzer Wald gehörten dem Kloster. Die Kirche Bühl war auch unter dem Einfluss von Rheinau. Jedoch war 1525 die Machtposition des Benediktinerklosters durch die Grafen von Sulz und durch den Reformator Huldrych Zwingli in Zürich geschwächt.
Einzig von Schaffhausen her schien kaum Gefahr zu drohen. Denn für die Munot-Stadt schien Jestetten eine Art natürlichen Puffer in Richtung Zürich zu bilden, der auch vor den gewaltbereiten Bauern Schutz bot.
Der Sturm braut sich zusammen
Dies war die Ausgangslage im Frühjahr 1525, als sich kampfbereite Bauernhaufen bildeten und durch unsere Heimat zogen.
Hans Müller von Bulgenbach, einem charismatischen Anführer, war die Heldentat gelungen, in nur zehn Tagen mit seinem Haufen durch den Schwarzwald vor die Tore Freiburgs zu ziehen und die Stadt zu belagern. Die Breisgau-Metropole öffnete ihre Tore und verband sich schließlich mit den Bauern und ihren Anliegen. Daraufhin zog Müller von Bulgenbach im Eiltempo zurück nach Radolfzell, das er ebenfalls belagerte. Hier begann sein Stern zu sinken.
Ein vorderösterreichisches Heer schlug die aufständischen Bauern bei Radolfzell vernichtend. Einigen Bauern gelang die Flucht in die Schweiz, andere wurden in nachfolgenden Gefechten niedergemacht. Hans Müller von Bulgenbach gelang mit knapper Not die Flucht auf den Hohentwiel. Auch wenn er seinen Verfolgern noch ein weiteres Mal entkommen sollte, so ereilte ihn sein Schicksal in Laufenburg, wo ihn ein Scharfrichter wahrscheinlich am 12. August 1525 köpfte. Damit war ein weiterer großer Bauernführer ausgeschaltet worden.
Doch der Aufstand der Bauern im Klettgau war noch nicht vorüber. Klaus Wagner aus Grießen führte den letzten unbesiegten Haufen aufständischer Bauern zur erneuten Belagerung der Küssaburg an. Damit hatte er das Tor zu seinem eigenen Untergang aufgestoßen.
Kampf und Niederlage
Diese dramatischen Ereignisse fanden also 1525 in der Nachbarschaft Jestettens statt. Im Machtgefüge zwischen den Grafen von Sulz und dem Kloster Rheinau blieb für die Jestetter selbst wenig Spielraum für Aufruhr und Rebellion. Somit geriet Jestetten auch nicht ins Visier jenes Söldnerheeres, das zur Niederschlagung der Klettgauer Bauern am 2. November 1525 in Fützen eintraf.
An der Spitze von rund 500 Rittern und 1300 Fußknechten mit ihren riesigen Trossen stand Christoph Fuchs von Fuchsberg. Seine Streitmacht führte er wohl auf der alten Römerstraße nach Schleitheim (SH), das damals noch zur Landgrafschaft Stühlingen gehörte. Es war der 3. November 1525. Fuchsberg marschierte aber nicht direkt nach Grießen, dem Wohnort des Bauernführers Wagner. Erst am Nachmittag des 4. November 1525 nahm Fuchs von Fuchsberg die letzten Überlebenden des Klettgauer Bauernhaufens in Grießen gefangen.
In den Stunden zwischen dem Abmarsch von Fuchs von Fuchsberg aus Schleitheim und der Kapitulation der letzten Bauern in Grießen spielten sich in Jestettens Nachbarschaft dramatische Ereignisse ab. So traf das Ritterheer in den Morgenstunden des 4. November 1525 auf den Bauernhaufen, der sich im Rafzerfeld zum Widerstand gesammelt hatte. Die Stadt Zürich hatte dorthin Beobachter entsandt und die Rheinbrücken bei Eglisau wurden von 500 Zürcher Soldaten gesperrt. Den Bauern war somit eine Flucht in die Schweiz versperrt. Den Klettgauer Bauern hatten sich auch rund 100 Bauern aus dem Rafzerfeld angeschlossen, ja selbst aus Lottstetten erhielten sie Unterstützung.
Die Ritter und Fussknechte des Fuchs von Fuchsberg kannten kein Erbarmen, als sie gegen den schlecht bewaffneten Bauernhaufen vorgingen. Nach mehreren Angriffswellen fanden im Verlauf von wahrscheinlich zwei Stunden rund 200 Bauern den Tod. Die Lage der Bauern war aussichtslos geworden, die verbleibenden 600 Aufständischen ergriffen die Flucht über die Hügel und durch die Wälder.
Die Bauern hatten einen großen Vorteil, sie kannten die Gegend, ihr Gegner Fuchsberg hatte nur grobe Vorstellungen von der Gegend. Die wenigen existierenden Karten waren zudem ungenau. Manch ein Versprengter des Klettgauer Haufens mag sich auf Jestetter Gebiet gerettet haben.
Bauernführer Klaus Wagner gelang es mit etwa 100 weiteren Bauern, darunter auch etliche Bauern aus dem Rafzerfeld, sich in sein Heimatdorf Grießen durchzuschlagen – hart verfolgt von Fuchs von Fuchsbergs Streitmacht. Einige Bauern sollen sich in Grießen in Häuser geflüchtet haben, die Fuchsberg aber kurzerhand anzünden ließ. In einer ehemaligen Burgruine, die als Friedhof diente, verschanzten sich schließlich 100 Bauern. Die Mauern und die Heiligkeit des Ortes verschafften ihnen zumindest kurzfristig etwas Sicherheit vor Fuchsberg und seinen Schergen.
Die Folgen
Christoph Fuchs von Fuchsberg war entschlossen, den Aufstand ein für alle Mal zu beenden. Die Friedhofsmauern konnten ihn nicht wirklich aufhalten. Ein Hindernis war für ihn vielmehr, dass sich unter den Bauern auf dem Friedhof auch noch solche aus dem Rafzerfeld befanden. Diese unterstanden zwar der hohen Gerichtsbarkeit des Stühlinger Grafen von Sulz. Aber gleichzeitig unterstanden diese der niederen Gerichtsbarkeit Zürichs. Die Bauern aus Rafz und Wil niederzumetzeln hätte unnötige diplomatische Verwirrungen ausgelöst.
Fuchs von Fuchsberg beorderte deshalb die Zürcher Schlachtbeobachter zum Grießener Friedhof, um die Bauern aus dem Rafzerfeld zur Kapitulation zu bewegen. Im Gegensatz zu den Klettgauer Bauern, die als Gefangene zur Bestrafung auf die Küssaburg geführt wurden, kamen die Bauern aus dem Rafzerfeld noch einmal glimpflich davon.
Die unmittelbare Folge der Niederlage der Bauern war eine noch stärkere Repression durch die Obrigkeit. Die Lasten für die Bauernfamilien stiegen an, ein weiterer Widerstand erschien sinnlos.
Auch die Jestetter Bauern, die nicht wie beispielsweise die Klettgauer Bauern für den Erhalt ihrer alten Rechte aufgestanden waren oder gekämpft hatten, litten zunächst unter der verschärften Ausbeutung.
In dieser angespannten Situation boten neue religiöse Strömungen und Bewegungen spirituelle Fluchtmöglichkeiten. Nur wenige Kilometer von Jestetten entfernt sammelten sich die ersten Täufergruppierungen unter den misstrauischen Augen der Obrigkeit. Aus Zürich vertrieben fanden die Anabaptisten zunächst Zuflucht in Schleitheim. Der Wandel der Reformation erreichte bald darauf auch den Jestetter Zipfel. Das Kloster Rheinau verlor an Einfluss und die Reformation erreichte 1529 Jestetten. Die Lage der Bauern schien sich ein wenig zu entspannen, doch es sollte noch Jahrhunderte dauern, bis die Macht des Adels über die Bauern gebrochen war.
Jestetten hatte also Glück, dass der Sturm des süddeutschen Bauernkriegs an diesem Ort vorbeizog und seine Opfer in der Nachbarschaft forderte.
Quellenangaben
Dr. Carsten Priebe (Rafz); 1525 – Die Schlacht im Rafzerfeld, Ereignisse rund um die letzte große Schlacht im Süddeutschen Bauernkrieg; ISBN 978-3-98270-500-2





