Anekdoten aus vergangenen Tagen
Ralf Göhrig
Am 21. Mai 1949 schrieb der damalige Berichterstatter des Südkuriers, Albert Schell, über das alte Burgeli. Diese Frau muss Anfang des 19. Jahrhunderts, also vor mehr als 200 Jahren, geboren worden sein, denn Schell berichtet, dass sie den Kindern in den 1880er-Jahren immer vom Hungerjahr 1816 erzählt habe. Jedenfalls gibt dieser Zufallsfund des hier abgedruckten Manuskripts einen interessanten Einblick in eine längst vergessene Vergangenheit.
Das Burgeli von Jestetten
In den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts lebte in Jestetten »das alte Burgeli«, das ein Original seiner Art war. Wir Kinder hatten das Burgeli ganz besonders in unser Herz geschlossen. Es bewohnte im Winkel eine Kammer mit Küche, die beide auf das primitivste eingerichtet waren. Auf sein äusseres Aussehen legte s’Burgeli wenig wert. Gewaschen hat es sich wie eine Katze. Sein altes mit Runzeln bedecktes Gesicht besass ein Paar listige Aeuglein, aus denen der Schalk uns Kinder nur so anblitzte.
Es soll nicht ganz arm gewesen sein, aber den Pfennig drehte es dreimal herum, bis es ihn ausgab. Mit den damaligen Neuerungen konnte es sich nur schlecht abfinden. Es war konservativ eingestellt. Den Namen »Pfennig« konnte es nicht ausstehen. Der »Pfennig« hiess bei ihm immer noch »Krüzer«. Zu Hause trank es aus Sparsamkeitsgründen seinen Eichelnkaffee, ging es aber »z’Stubete«, dann war es für das Burgeli ein Festtag, wenn es hierbei Bohnenkaffee gab. Es lief dann selbst in die Küche und holte sich die grösste Kaffeetasse mit den beiden Ohren rechts und links und schlürfte mit Hochgenuss seine zwei bis drei Tassen Kaffee in langsamen Zügen aus, damit es ja recht lange davon hatte.
Mit der Obrigkeit stand es nie auf gutem Fuss und der damalige Bürgermeister Ott hatte manche hartnäckige Auseinandersetzung mit ihm zu bestehen. Obgleich es in der Behausung des Burgeli recht muffig roch, waren wir Kinder doch immer gern bei ihm zu Besuch. Es konnte so schöne Geschichten und Märchen erzählen. Vom Burgfräulein vom Düssital, vom Märti vom Rossberg, von der Löhrenmariandl, vom Schlosszottel, vom Hungerjahre 1816 usw. Trotz der kargen Umgebung war es beim Burgeli doch immer recht heimelig.
Ich denke noch mit Vergnügen an eine aufregende Begebenheit. Das Burgeli hatte eine Erbschaft oder irgend etwas ähnliches gemacht; genau weiss ich es nicht mehr. Jedenfalls war es so, dass es mit dem Steuerfiskus in Konflikt kam. Es sollte einen geringen Betrag an Steuern bezahlen. So etwas war beim Burgeli noch nie vorgekommen. Es lief von Pontius zu Pilatus, um sich von dieser Steuer drücken zu können. Es revoltierte, aber es half ihm nichts, es musste bezahlen. Als es dem Akziser (Anmerkung 1) endlich den Betrag entrichtet hatte, kam es zu »Peters Muatter« gelaufen und sagte: »So, jetzt han ih die verdammte Stür, dia Krüzer bezahlt; jetzt könne dia hohe Herra z’Karlsruah wieder Fressa und Suffa«.
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Albert Schell. Jestetten, den 21. Mai 1949.
Der Lokal-Redaktion »Südkurier« Konstanz
mit der Bitte um Veröffentlichung übersandt.
Mit bestem Gruss!
1) Akziser: Der Akziser war in Baden ab 1812 der Steuereintreiber.




