75 Jahre Sozialverband VdK Ortsverband Jestetten
Ralf Göhrig, Erwin Hierholzer
In der unmittelbaren Nachkriegszeit, zu Beginn der jungen Bundesrepublik, gab es im Jestetter Zipfel 123 Kriegs- und Wehrdienstgeschädigte sowie Kriegerwitwen und zudem viele Hinterbliebene.
Auf Veranlassung des Kreisbeauftragten des VdK, eines Herrn Scheuble aus Tiengen, fand am 8. Mai 1949 im Gasthaus Salmen in Jestetten eine Versammlung der Kriegsversehrten und Körperbehinderten mit rund 80 Personen statt. Diese beschlossen mit großer Mehrheit, einen Ortsverband Jestetten zu gründen, der die Gemeinden Jestetten, Altenburg, Lottstetten, Berwangen und Baltersweil umfasste. Vorsitzender wurde Alfred Stöwer, stellvertretender Vorsitzender Willy Metzger, Schriftführerin Ruth Scheuble, Kassiererin Adelheid Kaier, 1. Beisitzer Philip Schwarz sowie 2. Beisitzerin Frieda Maier.
Von da an fanden Vorstands- und Mitgliederversammlungen in den verschiedenen Ortschaften statt. In den folgenden Jahren wurde der VdK zu einer bestimmenden Größe des sozialen Lebens in der Gemeinde. Die wichtigste Aufgabe war zunächst, die Interessen der Kriegsversehrten und Kriegerwitwen sowie der Zivilgeschädigten zu vertreten. Viele Aufgaben, die eigentlich das Sozialamt der Gemeinde hätte übernehmen müssen, die es vom Umfang her aber nicht bewältigen konnte, wurden vom VdK Ortsverband erledigt. Doch es war nicht nur die Vertretung der sozialen Interessen, auch das gesellschaftliche Element wurde vom VdK großgeschrieben. In den alten Aufzeichnungen ist von legendär anmutenden Weihnachtsfeiern im Gasthaus Löwen zu lesen und regelmäßige Ausflüge zählten zum festen Jahresablauf.
1951 – Bereits zwei Jahre nach der Gründung gab es einen Ausflug über Zürich nach Einsiedeln, was sich aufgrund der Grenzformalitäten sehr langwierig gestaltete, sodass man bereits um fünf Uhr morgens losfahren musste.
1953 – Am 3. und 4. Oktober fand ein Heimatabend mit Musikern und einer Trachtengruppe aus Hochbrück bei München statt.
1966 – Eine außerordentliche Mitgliederversammlung musste einberufen werden, da der Schriftführer Alfred Sigg verstorben war. Zu seinem Nachfolger wurde Karl Frey gewählt.
1974 – Am 9. November feierte der Ortsverband Jestetten sein 25-jähriges Jubiläum im Rahmen der Hauptversammlung.
1988 – Zur Weihnachtsfeier trafen sich 113 Vereinsmitglieder im Hotel Gutmann in Jestetten.
1992 – Am 2. Juni fand ein Familienausflug mit zwei Bussen und 75 Personen statt.
1994 – Der VdK wurde in Sozialverband VdK umbenannt.
1998 – Am 11. März starb der langjährige Vorsitzende Willy Metzger. Manfred Weber übernahm zunächst kommissarisch das Amt.
2002 – An der Weihnachtsfeier erhielten Erich Sigg und Georg Mathis die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg.
2012 – Zu den vielen bereits bestehenden Veranstaltungen wurde das Grillen am Käppele in Baltersweil ins Programm aufgenommen.
2022 – Die Corona-Krise bremste zwar auch den VdK Jestetten aus, doch Anita Frontzek wurde zum Ehrenmitglied ernannt.
2023 – Der monatliche Hock wurde eingeführt. Hierbei gab es Informationen und Kontakte zum Kreisverband. Vor Ort durften keine Beratungen mehr stattfinden.
2025 – 75. Jahrfeier des VdK Ortsverbands
Vereinsvorsitzende
Alfred Stöwer (1949-1950)
Philip Schwarz (1950-1956)
Karl Sterzinger (1956-1957)
Karl Straub (1957-1958)
Konrad Krogull (1958-1960)
Eduard Weiser (1960-1963)
Willy Metzger (1963-1998)
Manfred Weber (1998-2009)
Anita Frontzek (2009-2015)
Erwin Hierholzer (seit 2015)
Am 11. April 2025 fand die 75. Jahrfeier des VdK Ortsverbands Jestetten in der Cafeteria Wohnpark Winkel statt. An der Feier waren die Gemeinden Jestetten und Lottstetten durch die Bürgermeisterstellvertreter Vincent Ziegler und Mathias Dufner vertreten und aus Dettighofen war Bürgermeisterin Marion Frei nach Jestetten gekommen. Als weiterer Gast war die Kreisvorsitzende Lucia van Kreuningen mit dabei. Die Feierlichkeiten wurden durch das Blasorchester der Realschule Jestetten unter Leitung von Nicole Markhardt musikalisch begleitet. Nach dem offiziellen Teil mit Ansprachen und der Rückschau auf die Historie ging die Feier in den gemütlichen Teil über.
Heinz-Dieter Metzger erinnert sich
Da zu jener Zeit (1949) keines der Vereinsmitglieder weder ein Auto noch ein Telefon hatte, war ich des Öfteren als Laufjunge im Einsatz. Es gab nur eine einzige Schreibmaschine und die stand bei Förster Schwarz im Büro und war Eigentum des staatlichen Forstamts Jestetten. An den meisten Wochenenden musste ich sie für die vielen Schreibarbeiten, die mein Vater zu erledigen hatte, im Forstamt abholen und am Sonntagabend wieder zurückbringen. Über das Wochenende war bei uns immer etwas los, entweder klapperte die alte Schreibmaschine oder ein VdK-Mitglied war zur Besprechung seiner Probleme bei uns in der Küche.
Für jedes zu bearbeitende Anliegen wurde ich zum Antragsteller nach Hause geschickt, um eine Vollmacht unterschreiben zu lassen. Hierzu ging es in der Regel in die gute Stube. In jener Zeit waren die Menschen noch etwas vorsichtig. Diejenigen, die mich nicht kannten, fragten: »Wem g’hörsch?« Oft kam dann die Antwort aus der Küche: »Da isch doch de Vergine ihren Sohn!« (Meine Mutter hieß Virginia.) Dann wurde die Vollmacht unterschrieben. Aber nicht mit Bleistift oder Tintenblei, sondern mit Tinte, denn Kugelschreiber waren zu jener Zeit noch nicht verbreitet und auch viel zu teuer. Die Suche nach Federhalter und Tintenfass war oft eine zeitraubende Angelegenheit. In der Zwischenzeit wartete ich in der Stube und bekam oft eine Tasse Milch oder ein Marmeladenbrot.
Einmal war ich dabei, als der Vater zum Versorgungsamt nach Freiburg musste. Herr Jäger aus Baltersweil fuhr mit seinem alten Auto und ich erlebte Freiburg, wie es schwer vom Krieg gezeichnet war. Das Essen hatten wir mitgenommen, es gab Brot, Tomaten und einen Zipfel Wurst.
Ich erfuhr in dieser Zeit auch, wie viel Arbeit und Fleiß die Mitarbeiter des VdK investierten. Es dauerte manchmal viele Jahre, bis ein Gesuch beantragt und bearbeitet werden konnte, da viele Unterlagen fehlten und erst mühsam beschafft werden mussten. Die Sachbearbeiter vor Ort machten diese Arbeit zum Wohle der Allgemeinheit und für die Geschädigten ohne Bezahlung. Doch ab und zu wurden diese Arbeiten mit kleinen Aufmerksamkeiten belohnt, ein paar Eier oder etwas von der Metzgete gab es für die Mühen und das schätzte man zu jener Zeit sehr.
Als ich in die Lehre kam, konnte ich diese Aufgaben für den VdK nur noch sporadisch, später überhaupt nicht mehr erledigen. Dann führte Frau Oschler diese Arbeiten fort.



